Ein Gewitter über Brandenburg – Über Ehrfurcht und Staunen
Es zog schnell auf. Der Himmel wurde grün, die Vögel schwiegen alle auf einmal. Dann stand ich mitten drin — und wollte nirgendwo anders sein.

Die Vögel hörten alle auf einmal auf.
Das ist das erste Zeichen, das ich gelernt habe zu lesen — nicht das Abdunkeln des Himmels, nicht der Wind, der die Blätter wendet. Sondern die plötzliche Stille. Wenn ein Wald oder eine Feldlandschaft, die eben noch summte und sang, innerhalb von Sekunden vollkommen ruhig wird, ist etwas im Anzug. Und es ist groß.
Ich war auf einer offenen Fläche am Rand eines Kiefernwaldes in Brandenburg. Hinter mir der Wald, vor mir ein weites Roggenfeld, darüber ein Himmel, der in den letzten zwanzig Minuten eine Farbe angenommen hatte, die man nicht beschreiben kann, ohne zu klingen als übertreibe man: ein schmutziges, gedämpftes Grün. Das Licht war seltsam. Flach. Wie aus einer Richtung, die die Sonne nicht kennt.
Was ein Gewitter mit der Welt macht
Dann kam der Wind. Nicht als Brise — als Wand. Die Kiefern hinter mir bogen sich in einer Bewegung, als wären sie ein einziger Organismus. Der Roggen legte sich flach. Ein Ast krachte irgendwo im Wald.
Ich hätte gehen sollen. Ich weiß das. Offene Flächen bei Gewitter sind keine gute Idee, und ich kenne die Regeln besser als die meisten. Aber ich stand da und konnte nicht weg. Nicht aus Leichtsinn — sondern weil etwas in mir vollständig gebannt war von dem, was gerade passierte.
Das erste Blitz-Donner-Paar war nah. Sehr nah. Der Blitz war nicht zu sehen — er war hinter den Wolken, aber das Licht, das er warf, war so hell, dass der gesamte Himmel für einen Augenblick weiß wurde. Und dann der Donner — nicht als fernes Grollen, sondern als physischer Druck, den man im Brustkorb spürt.

Ehrfurcht ist kein Gefühl, das man wählt
Es gibt Momente in der Natur, in denen man aufhört, Betrachter zu sein. In denen man nicht mehr schaut, sondern einbezogen ist — ob man will oder nicht. Ein Gewitter über einer flachen Brandenburger Feldlandschaft ist so ein Moment.
Ehrfurcht ist das Wort, das mir dabei einfällt. Nicht Angst — obwohl Respekt dazugehört. Nicht Begeisterung — obwohl sie mitschwingt. Ehrfurcht ist etwas anderes: das Bewusstsein, dass die Welt um einen herum größer ist als man selbst, größer als alle Pläne und Überzeugungen und Meinungen, die man mit sich trägt. Und dass das in Ordnung ist. Dass es sogar gut ist.
Kinder, die ein Gewitter im Freien erleben — in Sicherheit, aber wirklich draußen, nicht hinter Glas — tragen dieses Erlebnis anders in sich als jene, die es nur durch ein Fenster kennen. Das ist keine Romantisierung. Das ist Wahrnehmung.
Danach
Das Gewitter war nach zwanzig Minuten vorbei. Der Himmel riss auf, das Licht wurde wieder warm und normal. Die Erde roch nach Regen und Erde und Ozon — dieser Geruch, den man nicht vergisst und nicht beschreiben muss.
Die Vögel fingen wieder an. Erst einer, dann drei, dann alle.
Ich stand auf dem nassen Feld und dachte nichts Besonderes. Es war einfach gut, da gewesen zu sein. Durchnässt und unversehrt und vollständig anwesend in einem Moment, den niemand geplant hatte.
Das ist, was die Natur kann, wenn man sie lässt: Sie macht die eigenen Pläne klein — und die Welt dadurch größer.
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