Eine Begegnung am Sitzplatz Die Geschichte von Balu
An einem kühlen Morgen Anfang März wird ein scheinbar unscheinbarer Sitzplatz im Wald zum Schauplatz einer besonderen Begegnung. Eine Geschichte über Regen, Stille, ein lautes kleines Wesen und einen Ort, der zu einem echten Platz der Naturverbindung wird.
Eine Begegnung am Sitzplatz Die Geschichte von Balu
Es war ein Morgen Anfang März, kurz nach neun. Der Himmel hing grau und tief über dem Wald, ein stilles, gedämpftes Grau, das alles leiser wirken ließ. Die Luft war kühl, und ein leichter Wind strich durch die kahlen Zweige. Ich mochte dieses Wetter. Es hatte etwas Ehrliches, etwas Einladendes für alle, die bereit sind, aufmerksam zu sein.
Ich setzte mich an meinen Sitzplatz. Der Boden war kalt, die Geräusche weich und ruhig. Nach einer Weile wurde auch in mir alles still. Der Atem wurde länger, die Gedanken klarer. Ich spürte mich und den Ort, als würde ich langsam in ihn hineinsinken. Die Vögel sangen ihr vertrautes Morgenlied, bis plötzlich etwas anders war.
Die Vogelstimmen veränderten sich. Erst fein, kaum hörbar, dann deutlich. Es war, als würde die Landschaft ihren Atem anhalten. Ich öffnete die Augen und sah durch das spärliche Grün, dass der Himmel dunkler geworden war. Eine schwere Regenfront zog auf, schneller als erwartet.
Ich war unvorbereitet. Kein Mantel, keine Regenkleidung. Ich sah mich um und bemerkte nur einen einzigen Strauch, etwa zwanzig Meter entfernt, der ein wenig Schutz bot. Einige Blätter, ein paar dichte Zweige. Nicht viel, aber besser als nichts.
Ich ging schnell dorthin. Kaum hatte ich mich darunter gekauert, prasselte der Regen los. Heftige Tropfen, laut und unnachgiebig. Für einen Moment fragte ich mich, wie lange es dauern würde, bis ich völlig durchnässt wäre. Gleichzeitig spürte ich aber auch: Hier zu bleiben war besser, als draußen im offenen Wald zu stehen.
Ich atmete tief ein, ließ die Schultern sinken und nahm die Situation an. In dem Moment, in dem ich aufhörte, gegen den Regen anzukämpfen, wurde meine Wahrnehmung weiter. Die Tropfen auf den wenigen Blättern über mir klangen wie kleine Trommeln, jeder mit seiner eigenen Stimme. Etwas in mir wurde ruhig und zugleich sehr lebendig.
Dann hörte ich ein Geräusch.
Ein Rascheln. Schnell, rhythmisch, näher kommend. Es kam aus der Richtung meines Sitzplatzes.
Mein Herz schlug schneller. Nicht aus Angst, sondern aus dieser Mischung aus Neugier und erwartungsvoller Spannung, die uns die Natur manchmal schenkt.
Das Geräusch kam näher. Noch näher.
Und dann tauchte es auf.
Keine dreißig Zentimeter vor mir.
Ein Eichhörnchen.
Es schien mich im ersten Moment gar nicht zu bemerken. Dann hob es den Kopf, sah mich plötzlich direkt an, mit großen dunklen Augen, wach und aufmerksam. Mein Herz pochte jetzt spürbar, und das kleine Wesen schien meine Aufregung zu spüren. Es schaute nach links, nach rechts und dann wieder zu mir.
Wir sahen uns an.
Für einen langen, gedehnten Moment gehörte uns die Zeit. Nichts bewegte sich, außer dem Regen über uns.
Dann drehte sich das Eichhörnchen um, aber es blieb. Keine Flucht, kein Zögern. Es setzte sich direkt vor mich, als wären wir zwei Zufallsreisende, die denselben Unterstand teilen.
Und dann tat es etwas, das mich bis heute fasziniert.
Es öffnete seinen eigenen Regenschirm.
Es stellte seinen Schwanz wie ein kleines Dach über den Rücken, sodass Kopf und Körper geschützt waren. So saßen wir da, lauschten dem Regen und teilten einen Moment, der sich größer anfühlte als seine kurze Dauer.
Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit. Für diesen Ort. Für das Wetter. Für dieses Wesen. Für die Natur, die uns, wenn wir bleiben, solche Begegnungen schenkt.
Als der Regen nachließ, richtete sich das Eichhörnchen auf, warf mir einen letzten Blick zu und verschwand zwischen den Ästen. In mir war klar: Das war mein Zeichen. Es war Zeit zu gehen.
Ich kroch aus dem Strauch, der Regen wurde schwächer, bis er ganz aufhörte. Ich war nass, aber ich war glücklich. Und ich war voller Energie. Ich hätte den ganzen Weg nach Hause tanzen können.
Von diesem Tag an tauchte das Eichhörnchen öfter an meinem Sitzplatz auf. Ich gab ihm den Namen Balu. Nicht, weil es ruhig war, sondern im Gegenteil. Ich hörte es fast immer zuerst, bevor ich es sah. Laut, lebendig, unverkennbar.
Balu war das erste wilde Wesen, mit dem ich eine wirklich magische Begegnung am Sitzplatz hatte. Und er hat den Grundstein gelegt dafür, dass dieser Ort für mich zu etwas wurde, das tiefer geht als Routine.
Zu einem Ort echter Naturverbindung. Zu einem Ort, an den ich immer wieder zurückkehre.
Wenn du selbst einen Sitzplatz suchst, nimm diese Geschichte gerne mit in den Wald. Vielleicht wartet dort schon ein eigener Balu auf dich, oder eine andere Begegnung, die nur darauf wartet, von dir bemerkt zu werden.